GERMAN DONT SURF

Endlich. Wir sind im Dschungel. Da wo wir hin wollten, hin gehören. Wir sind bei Hermann Detzners Unterschlupf, seiner Behausung, wo er vier Jahre überlebte, wartete, frei war im grünen Gefängnis. Einmal am Tag kamen zum ihm drei Bewohner des Dorfes und brachten ihm Essen. Detzner hing seinem militärischen Drill nach. Er kommandierte, schlug einen schroffen Ton an und hielt alles penibel sauber. Nur nass war es trotzdem alles.

Wir spüren die hohe Luftfeuchtigkeit bei jedem weiteren Schritt die 200 Höhenmeter den Berg hinauf zu Detzners Hut. Bei jedem kleinen Stopp keuche ich und will mehr Luft bekommen. Das angebotene Zuckerrohr nehme ich dankend entgegen. Überhaupt ist die ganze Gesellschaft sehr aufbauend. Viele Kinder und sogar ein Hund sind unserem Trupp gefolgt. Man hat alles für uns vorbereitet. Jäger tauchen mit Pfeil und Bogen hinter den tropfenden Blättern auf. Ich spüre einen nassen Film auf der Haut, wir befinden uns mitten in einer Wolke am Hang zwischen dichtem Tropengehölz. 

Da steht es endlich. Ein halbes Iglu aus Farnblättern. Winzig klein, dass wir sechs gerade so rein passen….hier soll er, Hermann, vier Jahre gehaust haben? Unvorstellbar! Alles trieft und tropft. 

Der Jäger zeigt uns den Ort an dem Detzner den halben Tag Ausschau hielt mit seinem Fernglas nach Feinden und Freunden. 

Langsam formt sich ein Bild. Ich stelle mir vor wie er anfangs herumstolzierte, alles sauber hielt, in kurzem klaren Ton den einzigen Besucher am Tag abkommandierte, seine Waffen putzte und dann Wache hielt, doch dann immer öfter die Zeit verlor, den militärischen Rhythmus und sich die Pflanzen genauer ansah, bis er sich vielleicht einen Tag im Betrachten eines Blattes verlor um am darauffolgenden Tag laut, wirr Shakespeare zu zitieren und sich laut vorzulesen während er zwischen Hütte und Ausguck hin und her rannte. 

Als dann die Kamera läuft und die Mikrofone aufnehmen, ist es ein unglaublich befreiendes Gefühl als Detzner in den Wald den Richard II Monolog hinein zuschreien. Der Regen wird stärker während ich spiele und alles um mich herum ist nass glitschig, glibbschig, krabbelig…unendlich lebendig!

Ich bräuchte nicht lange um in der Einsamkeit den Dschungel zu hassen und ihn die grüne Hölle zu nennen, bei allen wundervollen Dingen die er bringt, wären Enge, Gefahr überall so präsent. Überhaupt ist die Natur hier so gewaltig das ich mir klein und verloren vorkomme. Wie lange würde es dauern, wenn die Menschen jetzt hier ihre Dörfer verlassen würden, dass der Dschungel sich alles zurück holen würde? Ein, zwei Jahre? Wie wäre es in Berlin? Hunderte Jahre?

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(© Frederik Schmid)

Wir steigen ab, erst langsam und vorsichtig bis ich umringt bin von Kindern zwischen 6 und 10 Jahren, es entsteht ein Wettkampf, wer schneller ist. Wie sollte es auch anders sein, es bleibt doch überall auf diesem Erdball das gleiche. Wir rennen, springen über große Schlammpfützen. Anfangs habe ich überhaupt keine Schnitte mit meinen dicken deutschen Wanderschuhen gegen die barfüßigen Jungs. Sie rennen feixend voraus. Ich muss die Strategie ändern. Ich folge ihnen laut schreiend ohne von der Bremse zu gehen, dass ist es was hilft, sobald du mit einem Fuß langsam wirst und stehen bleibst, rutschst du im Schlick aus. Du musst die Geschwindigkeit halten. Von Stein zu Stock springen. Immer die Füße rechts und links vom verschlammten Weg, so geht es! Wir rennen durch den Regen schreiend den Berg herunter. Plötzlich erschrickt mich ein Junge, der hinter einem Baum steht als ich vorbei renne. Er erschießt mich mit einem breiten Grinsen. Nach dem ersten Schreck renne ich ihm wild schreiend nach, ich verdrehe die Augen und werde vom zweiten Jungen hinterrücks feige in den Rücken geschossen. Ich sehe mich heraus gefordert. Ich lade mit einem lauten Schnalzen der Zunge mein Gewehr durch und will die Jungs aufs Korn nehmen, da spurten Sie um die nächste Ecke! Ich verfolge sie und werde eine Sekunde später vom dritten Heckenschützen herzlich lachend erlegt. Ich sterbe theatralisch im nassen Gras. Wir rennen in bester Rambomanier, wild schießend und sterbend den Hang hinab. Beim pfeifen von Wagners Ritt der Walküren, während wir, Krieg spielend, durch den nassen Dschungel flitzen, muss ich schmunzeln, alles erinnert mich von der Umgebung an Apocalypse Now und ich bin so froh, dass ich so den Dschungel kennenlernen darf — Mit diesen lieben, frechen, wundervoll lachenden Jungs, laut schreiend und Krieg spielend, den Berg herunter rennend. German surfed. 

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(© Frederik Schmid)

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