Mittendrin

Genau jetzt sind wir von 200 Bewohnern Junzaings umzingelt oder besser umschlungen. Seit vier Stunden schon. Dass wir eine Attraktion in einer non-digitalen, indigenen Welt sind, ist ja nicht weiter verwunderlich, aber hier geht es um mehr. Sie haben vor hundert Jahren Detzner ein Versteck im Dschungel gebaut, außerhalb des Dorfes, nur ganz wenige waren eingeweiht. Das Geheimnis des Versteckes und das Versprechen darüber, dass sie dem Missionar Kayßer gaben, Detzner zu beschützen, gilt bis heute. Die Nachfahren der damals Eingeweihten sprechen sehr leise ins Mikrofon, damit der Rest vom Dorf nicht alles mitbekommt. Sie erzählen brillant und detailliert. Mündliche Überlieferung hat hier eine makellose Form. Auch erinnern sie sich der Versicherung Detzners, dass er nicht wiederkommen wird, wohl aber seine Enkel oder Urenkel. Und da sind wir nun, wie eine eingelöste Prophezeiung. Wir sind umringt und haben schon viele Reden gehalten und Toaste empfangen. Rübe und Steffen können nicht aufhören zu fotografieren und die Bilder den hübschen und lustigen Kindern zu zeigen. Nach unserem kleinen Konzert waren die Dämme endgültig gebrochen. Ausufernde Freude brachte Steffens Drohnenflug und Lukasz eröffnete danach sein I-Pad-Kino für das halbe Dorf. Momo gibt Interviews im roten Lehm, Mark ist zum Fußball eingeladen und Irene hat die mobile Klinik eröffnet. Da mich so viele Menschen dauerhaft verunsichern, schreibe ich hinter einem Hühnergitter diese Zeilen.

Wir sind im Hinterländ, dem Beginn des Hochlandes. Als uns der Jeep gestern die 1000 Höhenmeter hochhievte, war plötzlich die Piste versperrt. Mit einem Lattengerüst, an dem Blumen und Farne drapiert waren. Dahinter erwartete uns das gesamte Dorf und beschenkte uns mit einem Sing Sing. Kommt man im Guten und ist man willkommen, so darf man eine solch alte Zeremonie erleben. Beherzte Frauengesänge heben an. Anmut und Bewegungen gerät in die Körper. Trommeln setzen ein. Die Männer singen nun auch. Dann öffnet sich das Tor und Blumenkränze werden uns über den Hals gelegt. Wir ziehen durch das Spalier der Bewohner. Blumen regnen, Kinder kreischen, so ziehen wir zum Hauptplatz von Pastor Dick, auch er natürlich Betel kauend. Reden werden gehalten. Walter stellt uns vor. Zwei Stunden vergehen fast, bis wir Quartier beziehen können. Momo und ich bevorzugen unser neues Zelt, alle anderen verschwinden in Holzhütten. Walter verläßt uns und übergibt uns endgültig an Geiti und Pastor Geiß. Auf unserem Rückweg werden wir ihn in drei Wochen in Lae noch einmal widersehen. Dann soll er uns interviewen.

Morgen werden wir in den Dschungel gehen. Dort wo Detzners Hütte stand, sein Versteck im Paradies. Davon wird er leidlich wenig gehabt haben. Die Schilderungen unserer Zeit-und Ahnenzeugen besagen, dass er halb wahnsinnig, halb wild vor Angst im dauerhaften Kriegszustand sich befand. Hua! Hua! Eine Mischung aus Rambo und Kinskis Aguiere. Einsam, kirre und malariageschächt. Vier lange Jahre. Den Zorn Gottes sollte er erst später erfahren…

3 Kommentare zu „Mittendrin“

  1. Hallo, lieber Kai, Momo und Team…….Siggi sagt immer ich solle mich raushalten, aber heute, Bericht 5.8. habe ich Gänsehaut bekommen und die Tränen standen mir in den Augen, dass man so etwas, am „Ende der Welt“ erleben kann….Wir sind bei euch….Wir umarmen euch Martina und Siggi

  2. Lieber Kai, es ist schön, Deinen Text so zu lesen. Ich mutmaße, dass die Kraft Deiner persönlichen Beschreibung auch in der Gruppe ist. Ich freue mich, dass ein erstes Anfassen passiert. Gedanklich und körperlich. Ihr seid drin. Darum geht es. Interessant auch die Perspektive rum zudrehen und sich selbst interviewen zu lassen. Ich werde warten. best tom

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