Tour de Horizon

Vorgestern. Unser letzten Tage in PNG nehmen ihren wohlgeplanten Ablauf. Crossroads Hotel Lae. Frühstück mit unseren Guides in dem anonymen Hotelbunker, der recht verstörend auf alle wirkt. Pastor Gais ist das erste mal in seinem Leben in einem Hotel. Das Gefühl beschleicht mich, dass unsere Welten hier auseinander zu driften beginnen. Mein Instinkt hatte mich gewarnt, dass dies kein guter Ort zum Abschied nehmen sei, aber die beiden hatten darauf bestanden, uns bis zuletzt zu begleiten. Auch für mich ist so ein Hotel nach 4 Wochen Dschungel, verqualmten Hütten und Eingeborenenspeise ein sehr gewöhnungsbedürftiges Habitat. Beim Einschalten des Fernsehers das Gefühl auf LSD zu sein. Die Absurdität der telegenen Vorgänge, das eitle und gespreitzte Posieren der Geleckten und Hirnlosen. Wir nehmen einen Whyskey an der Bar. Das bringt uns sanfter hinüber in unsere Welt.
Gestern. Wir nehmen Abschied am Flugplatz Lae von Gais und Gaiti. Ein paar Tränen werden verdrückt. Worte fallen nicht mehr viel. Wir hatten die letzten Tage schon viele Abschiedsreden gehalten. Dann sitzen wir in einer nagelneuen ATR-Propellermaschinen und pumpen uns in die Monsunwolken. Wir überqueren die hinfällig gewordene Grenze zwischen Kaiser-Wilhelm-Land und Englisch-Papua. Die Linie, die Detzner vermessen hat und wie alle Grenzen nur eine schnell vorübergehende Verabredung war. Doch hier begann das Abenteuer für ihn und somit auch für uns.
Port Moresby. Ein Moloch. Hüttenstreu und Mülldeponie. Das rohe Anlitz jeden kolonialen Erbes starrt uns durch die Autoscheibe unseres Busshuttles nach Sogeri an. Abgerissene Gestalten, Menschen jedweden Stammes des großen Inselreiches von PNG, die hier ihr Glück suchen, auf dem langen, unendlichen Weg in die Welt der weißen Konsummaschine. Der krasse Gegensatz zu den gepflegten Hinterländs des Finschhafen-Distrikts. Unser Fahrer stammt ausgerechnet aus Heldsbach und wir halten gepflegten Smalltalk. Wir können nun etwas mitreden. Das bessere und hyperteure Port Moresby der Miittel-und Oberschicht liegt außer Sichtweite hinter einem Berg. Allein die Vorstellung davon bereitet mir Übellkeit.

Moloch Port Moresby
Moloch Port Moresby (© Steffen Cieplik)
Moloch Port Moresby
Moloch Port Moresby (© Steffen Cieplik)

Sogeri. In der gepflegten Lodge von Warren Bartlett nehmen wir Quartier. Der australische Older Statesmen betreibt sie seit vielen Jahren, denn hier beginnt das Mekka jedes Mannes von Down under, der Kakoda-Track. Jene legendäre Schlucht, die die Australier mit einem hohen Blutzoll gegen die wütend anrennenden Japaner verteidigten, um die offene Flanke von Nord-Queensland zu verriegeln. Wer auch nur einen Funken australischen Patriotismus in sich verspürt, macht sich einmal in seinem Leben auf den 96km langen Weg. Unsere Neugier jedoch hat andere Gründe.
Unweit von hier residiert Eberhard Pfeiffer, der deutsche Konsul. Ein legendärer Mann. Er hatte 1976 die Gespräche mit den Leuten auf Jungzaing geführt, die nach der Unabhängigkeit sich Detzners Versprechen erinnerten, dass Kaiser Wilhelm noch die Rechnung für seine vierjährige Accomodation offen hatte. Der Konsul wunderte sich, dass sie erst nach 60 Jahren damit aufs Tablett kamen. Doch sie befürchteten die Strafe der Australier, Sanktion in Sippenhaft, da dies während des ersten Weltkrieges gegen den Neutrlitätseid verstieß. Nun war PNG unabhängig und sie konnten ihre Forderungen vortragen. Sie hatten einen weiten Weg hinter sich gebracht. Mehrere Männer und Frauen erwarteten Satisfaktion. Konsul Pfeiffer schrieb ein umfangreiches Memo an die Botschaft in Canberra. Viele Jahre versuchte er erfolglos das Auswärtige Amt und angeschlossene Institutionen wie die GTZ für Entwicklungshilfeprojekte zu inspirieren. Es wäre ein leichtes gewesen, für einen schmalen Taler mit hohem Prestigegewinn im Finschhafen-Distrikt etwas völkerverständigendes auf den Weg zu bringen. Doch im Bewußtsein der deutschen Öffentlichkeit lagen die ehemaligen deutschen Domänen am Anus mundi. Beim Besuch “des heiligen Bürokratiaus” zu Bonn (wen auch immer der smarte Konsul damit meint), erfuhr er nur alberne Ausreden. Sein Vorschlag zum hundertjährigen Jubiläum der deutschen Kolonie ein richtungsweisendes Projekt zu initiieren, wurde abschlägig bewertet. Man wolle Irritationen mit Ost-Berlin vermeiden. Sein Lachen schallt über die geschwungenen Hänge seiner Ananasplantage. Es ist die einzige Obstplantagen in ganz PNG. Er deutet dies auf die gesamte apathische und irgendwie auch kümmerliche Lage des Landes, das in tiefer Korruption und Kriminalität zu versinken droht. Die umherstreunenden Banden sind ebenso ein Problem wie die oft betrunkenen und wild um sich schießenden Sicherheitskräfte.

Kai-Uwe Kohlschmidt und Konsul Pfeiffer in Sogerie
Kai-Uwe Kohlschmidt und Konsul Pfeiffer in Sogerie (© Irene Preis)

Die deutschen Missionare sind zu früh gegangen. Viele ihrer mehr als lobenswerten Projekte sind inzwischen pleite und von ihren jetzigen Amtsträgern ausgeschlachtet. Der 74jährige schaut düster in die Zukunft des Landes, in dem er seit 1968 alles erlebt hat, was ein reiches Leben in den Tropen hergibt. Die guten alten Zeiten. Er läßt die eine oder andere postkoloniale Geschichte aufblitzen und wir schlackern mit den Ohren. Die Diskretion verbietet mir an dieser Stelle die delikaten Details. Das Interview währt beinahe drei Stunden und wir unternehmen eine klassische Tour de horizon, ein tiefgründiger Ausblick durch die Historie dieses fernen Gestades. Detzner kommt nicht zu kurz dabei. Dann der letzt Schlaf, traumlos doch zufrieden.

Sunset in Sogerie
Sunset in Sogerie (© Irene Preis)

Heute. Jackson-Airport POM. Wir besteigen nun gleich die Düse nach Hongkong. Für ein weiteres Resümee bleiben mir noch 24 Stunden.