Tag 10 – Weißer Fluß und weiße Wirklichkeit

KZ-Wachturm – Fort Marr

Es ist sehr heiß im herunter gekommenen Arkansas. 97 Grad Fahrenheit. Wir haben den Interstate-Highway nach 530km der zweiten Etappe der Knüppeltour verlassen und einen einsamen Campground nahe Clarendon am White River gefunden. Die Knüppeltour ist nötig, um die zweite Medaille der Geschichte zu erfahren und bringt uns morgen nach Oklahoma zu den westlichen Cherokee. Dort endete 1838 der Trail of Tears, die große Deportation des Stammes, die ein Viertel der ihren nicht überleben sollte. Was wir in drei Tagen stumpfen Highway-Geknatters mit Airkondition runterrocken, war für sie ein Fussmarsch, der um die selbe Zeit, also im September begann und sich bis in den Winter hineinzog. Wer auch immer bei Wikipedia für folgende Zeilen verantwortlich ist: „Die Vertreibung fand vor dem Hintergrund des ab 1800 zunehmenden Landbedarfs der aus Europa stammenden Siedler und der damit verbundenen Ausdehnung des nordamerikanischen Grenzlandes statt. Die von der Indianerpolitik der Vereinigten Staaten getragene und durch den Indian Removal Act von 1830 durch die Gesetzgebung gedeckte Umsiedlung…“ dem würde ich den Trail of Tears einmal selbst an die Backe wünschen und zwar hin und zurück, mit Pocken-verpesteten Decken, Hunger und dem gewissen Tod seiner Angehörigen. Dammich! Es war schlicht Völkermord. Wenn sowas von einem Gesetz einer fremden und feindlichen Kolonialmacht angeblich gedeckt ist, der man freundlicherweise überhaupt gestattet hatte, sich hier anzusiedeln, dann bekomme ich schlicht das Würgen. Das Nachdenken bekomme ich natürlich auch. Denn schließlich nennt sich diese, dieses Gesetz erlassene, Regierung die erste Demokratie auf Erden. Obwohl diesen Titel viele andere Völker für sich eher beanspruchen könnten. Die Cherokee zum Beispiel. Sie verfügten über drei Entscheidungskammern und ganz oben hatten die beloved woman das letzte Wort. Mir wird hier in den Staaten einiges klar. Präsident Andrew Jackson, der den Removal Act 1830 erlassen hatte, also die todreiche Deportation (zu Fuß!) hatte Wähler, brauchte Wähler, die Siedler. Denen standen die American Natives im Weg, auf ihrem Weg zu ihrem Glück.
Andrew Jackson wurde in der Schlacht von Horseshoe-Bend von einem Cherokee-Kämpfer das Leben gerettet. Das hinderte ihn später nicht, an seine Raum-greifende und gierige Klientel und die eigene Wiederwahl zu denken und die Auslöschung einer ganzen Kultur in Gang zu setzen. Ich zweifle in solchen Momenten an der Demokratie nicht nur, sie macht einfach keinen Sinn für mich. Oder wie Bukowski sagte, die Mehrheit liegt immer falsch.
Prieber hatte die Cherokee genau vor diesen Entwicklungen gewarnt. Seine Ideen seines „Königreich Paradies“ hingegen fussten sicher zu großen Teilen auf seinen Erfahrungen als Cherokee-Mann. Er war adoptiert, hatte eine Cherokee-Frau, mit ihr zwei Kinder und als Berater von Chief Moytoy ein beloved man geworden. Thomas Belt war hierüber mit mir derselben Meinung. Sie haben einander ausgetauscht und voneinander gelernt. Es ist schwierig, all das zu recherchieren, da Priebers Schriften mit ihm verschwanden. Nach der Verhaftung durch die britischen Kolonisten, nach seinem Tod in der Haft von Port Frederica.
Nachzufühlen jedoch bleibt eine Menge und auch zu verstehen. Wie gestern in Delano, Tennessie. Wir drehten am Eingang des National Cherokee Forrest. Den Eingang bewacht ein Office der Nationalpark-Ranger und ein stummes Relikt des Trail of Tears. Der Wachturm von Fort Marr. Vor 180 Jahren markierte er die Ecke eines Konzentrationslagers, in dem die Cherokee zusammenpfercht worden sind, zur weiteren Deportation nach Oklahoma.
Ich lasse gerade die Drohne steigen, als ein schwer bewaffneter Ranger den leeren Parkplatz betritt und nach dem seltsamen Geräusch meines Flugobjektes wittert. Ich wittere Verhaftung, wegen Drohne im Nationalpark und so. Ich entschließe mich zur Offenheit und komme hinter unserem Camper hervor. Er kommt lächelnd auf mich zu, während ich die Landung der Drohne einleite. Sie ist noch nicht ganz unten, da werde ich nicht verhaftet, sondern in ein liebenswürdiges Gespräch mit ihm verwickelt. Er freut sich über das deutsche Filmteam mit Interresse an Geschichte und will uns sogleich den Wachturm zeigen und aufschließen. Die Drohne summt fröhlich 4m über uns im Standmodus. Wir halten Smalltalk. Dann verabreden wir uns in zehn Minuten am Wachturm. Eine spontanes Interview, wie fein. Ein netter Ranger, spitzenmäßig! Ich bringe die Drohne zum Boden, dann gehen wir rüber. Der Ranger schließt das finstere Holzhaus auf, dass hier ohne jegliche Infotafel einfach am Wegesrand steht. Wir gehen hinein. Der Ranger erklärt uns jedes zweite Schießloch, den guten Nussbaum, aus dem es besteht und somit immer noch wacker sein Dasein fristet. Drinnen eine Pritsche. Alles ohne Nägel gezimmert, nur mit Holzzapfen sauber vearbeitet. Unser Ranger scheint begeistert vom Handwerk seiner Erbauer. Dann spricht er davon, wie hart es für die Wachmannschaft gewesen sein muss, hier Dienst zu tun. Erst die Hitze des Sommers, dann die Kälte im Winter. Die Engheit des Turmes. Ich muss an Auschwitz denken. Vermutlich wäre eine ähnliche Wachturm-Führung dort eher undenkbar, um es milde auszudrücken. Dennoch, unser Ranger ist weder Rassist noch Indianer-Hasser. Als ich nachhake, redet er wie von selbst davon, wie gemein es doch war, die Cherokee aus ihrem Land vertrieben zu haben. Amerika, das Land der unbegrenzten Vorstellungen. Alles scheint gleichzeitig möglich für ihn, echtes Mitgefühl mit den Opfern, wie die Begeisterung für die Folterarchitektur. Ich frage nach seinen Ahnen. Des Rangers Vorfahren stammen aus Italien. Okay.

KZ-Wachturm – Fort Marr

Ich mag seine Freundlichkeit, seine Unbefangenheit. Ich erschauere leicht, muss dennoch innerlich lachen, als er schließlich gegen die alten Planken hämmert und sagt „ Mein Gott das ist fast zweihundert Jahre alt. Sowas altes findet man nicht oft in Amerika“. Da hat er wohl recht. Nachdem die weißen Kolonisten Tabula rasa gemacht hatten, gehörte die alte Kultur den Archäologen.
Jetzt in der brütenden Nacht am White River bemerke ich, dass ich noch nie so ein großes Zwiegefühl (Zwiedenken Orwell) auf einer Mangan-Reise meinem bereisten Land gegenüber gehabt hatte, wie hier in den Staaten. Ich mag die Menschen, ich bin neugierig und begeistert über die Landschaft. Ich hasse die verstopften Highways und die ewig gleiche Werbung für Vergiftung (Wendys, Waffle-House und Mc-Donalds).
Ich spüre, wir sind im Herzen der Finsternis, dem Imperium, dass der Welt die Regeln diktiert, aber die Menschen hier sind Frohnaturen und Sonnengemüter, in service, in trust, in hope. In der Hoffnung, dass sich ihre Verfassung einzulösen vermag. For the pursuit of happiness. Die Struktur über ihnen, scheint mir, ihren eigenen Weg genommen zu haben, den einer Hyperstruktur, die keine Demokratie mehr kontrollieren kann. Yanus Varoufakis spricht von den inneren Zirkeln, die alles kontrollieren. Wie bringen wir die ans Tageslicht, wie kommen wir wieder raus aus dem repräsentativen Schlamassel? Die Nacht am White River gibt mir immer noch heiße, subtropische Luft zum Atmen, doch auch die Weite des inneren Ventilierens.

Scroll to Top