Papua Neuguinea 2016

 Mangan25 auf den Spuren Hermann Detzners in Papua Neuguinea

Im Sommer 2016 unternehmen wir eine Expedition in das Hochland der Houn-Halbinsel, dem Rückzugsort eines bayrischen Kolonialoffiziers, der sich während des ersten Weltkrieges dort versteckt hielt. Unsere Arbeitsziele sind ein Dokumentarfilm und ein Hörspiel über diesen bizarren Protagonisten. Auch Fotografie, ein Buch, ein Blog und Malerei werden entstehen. Wir werden den Menschen, die dort leben, begegnen, bei ihnen wohnen, uns wandernd dem wilden Habitat aussetzen und die Geschichte recherchieren.  Ein Regisseur, ein Autor, ein Fachberater, zwei SchauspielerInnen, ein Tonmann, ein Maler und ein Arzt.

Detzner
Hermann Detzner | Hauptmann im Auftrag der deutschen Kolonialverwaltung in Deutsch-Neuguinea

Hermann Detzner – Ein Don Quichote im Südseedschungel

„Unsere Flagge wehte über viele Tausende von Quadratkilometern der Insel, und wir fühlten noch soviel Kraft in uns, sie zu verteidigen.“

1908. Die westliche Zivilisation hatte sich umfassend ausgebreitet und nahm sich die Erde Untertan. Auch das deutsche Kaiserreich deckte sich beim Big Game ein und besaß nun ein weltumspannendes Kolonialreich.

Hermann Detzner, ein junger bayrischer Leutnant sieht seine Chance ebenda. Er bewirbt sich für eine Vermessungsexpedition in Deutsch-Kamerun, die die Grenze zu Britisch-Nigeria festlegen soll. Seine Haltung auf dieser Mission ist typisch für seinen Stand, bigott und herrenmenschlich. Die Begegnung mit den Einheimischen ist gekennzeichnet von Unterwerfung und Belehrung, sein Blick auf seine Trägerkolonnen ist der von Zucht und Ordnung. Dennoch, die Arbeit im Dschungel gefällt und erfüllt Detzner. Das Campieren im Freien, die Auseinandersetzung mit der Wildnis ruft etwas in ihm wach, von dem er nur ahnt, dass es in ihm schlummert. Ein Jahr später meldet er sich für die nächste Vermessungsexpedition und wird prompt ihr Leiter. Wieder ist er monatelang im afrikanischen Regenwald unterwegs, studiert die Tierwelt und die Sitten der Einheimischen. Seine Sichtweise auf sie wird milder, beinahe väterlich. Man muss die Wilden zu guten kaisertreuen Deutschen heranziehen. Zurück in Deutschland bildet auch er sich fort. Studiert in Göttingen Vermessung und insistiert nachdrücklich beim Kolonialamt mit der Bitte um neue Missionen. Hermann Detzner juckt es unterm Stiefel. Er will wieder hinaus, in die Ferne. Man schickt ihn nach Deutsch-Neuguinea, auch Kaiser-Wilhelm-Land genannt. Wieder soll es eine Grenze zum britischen Kolonialnachbarn sein, die er zu vermessen hat. Doch diesmal überschreitet er auch eine eigene, die des Gehorsams. Entgegen seiner Einsatzbefehle kehrt er nach der Vermessung nicht nach Herbertshöhe, der Hauptstadt von Kaiser-Wilhelm-Land zurück. Er beschließt, dem Hauptkamm des Hochgebirges weiter zu folgen und dort Neuland zu betreten. „Angezogen von dem unwiderstehlichen Reiz, den unerforschte Länder ausüben, erweiterte ich meine Aufgaben.“ Unterwegs kommt es immer wieder zu blutigen Zwischenfällen mit der Bergbevölkerung. Detzner lässt strafen, brennt Dörfer nieder und zieht weiter. Im November 1914 ist er bereits sieben Monate mit seinen einheimischen Trägern und Hilfspolizisten unterwegs. Dann erhalten sie Nachricht, dass inzwischen der 1. Weltkrieg ausgebrochen ist und Australien die deutschen Häfen in Papua zu besetzen beginnt.

Hermann Detzner ist nun im Krieg und mit ihm gut dreißig von ihm ausgebildete Papuas. „Lieber tot, als lebendig gefangen.“ Er entschließt sich zur Gegenwehr und zieht nach Finschhafen. Bei dem Versuch der Australier seiner habhaft zu werden, kommt es zu einem kleinen Scharmützel, nach dem sich Detzner schließlich in den Hochgebirgsdschungel zurückzieht. In seinem „Standlager“, ein Papuadorf, das ihn freundlich aufnimmt, kann er erstmals regenerieren. Auch plagt ihn immer wieder eine chronische Malaria. Ab dem Frühjahr 1915 wird er monatelange und entbehrungsreiche Erkundungswanderungen in das Hinterland unternehmen. Er studiert Fauna und Flora und die Gebräuche der verschiedenen Stämme. Seine Notizen hierzu sind zwar nach wie vor hochtrabend und nur bedingt wissenschaftlich, dennoch: Hauptmann Detzner ist zum Entdecker geworden. Auch sieht er die Sache der Kolonie in einem heilsbringenden Lichte. Als Verkünder und Hüter der Zivilisation empfindet er sich in missionarischer und erzieherischer Pflicht, aus den Eingeborenen ordentliche Reichsdeutsche zu machen. Vier Jahre dauert sein nomadischer Aufenhalt in den Bergen Papuas.

Im Dezember 1918 schließlich „kapituliert“ er und überstellt sich in vollem Ornat den australischen Truppen. Er wird mit Respekt behandelt und nach Europa verschifft. Hermann Detzner erreicht ein am Boden liegendes Deutschland. Einen großen Empfang wie für andere „Kolonialhelden“ gibt es für ihn nicht mehr. In die vom Versailler Vertrag limitierte Reichswehr der „100000“ wird er nicht übernommen. Er bekommt eine Anstellung im Reichsarchiv. Immer noch plagt ihn chronische Malaria und Rheumathismus. Detzner ist niedergeschlagen. Dann verfaßt er das Buch „Vier Jahre unter Kannibalen“ und wird schlagartig berühmt. In dem seinerzeit vielbeachteten Werk läßt er sich jedoch zu zahlreichen Übertreibungen und Forschungsplagiaten hinreißen. Er erfindet weit größere Wanderungen und Entdeckungen in Papua und stilisiert sich zum Humboldt Ozeaniens. Nach ein paar Jahren kommt alles ans Tageslicht und ruiniert nachhaltig seine Glaubwürdigkeit. Weitere Forschungs – oder Vermessungsaufträge werden ihm deshalb nicht mehr zuteil. Detzner ist nun Gefangener seiner Zivilisation. Kopp & Detzner, eine Kolonialwarenhandlung in Heidelberg ist sein letzter Arbeitsplatz. Er stirbt 1970 im Alter von 88 Jahren.

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