Lungern

Ozean vor Heldsbach
Ozean vor Heldsbach (© Momo Kohlschmidt)

10 Uhr morgens. Der Sonnenaufgang ist abgedreht. Alle Sachen sind gepackt. Waiting for my men…Der Jeep, der uns nach Juanzing bringen soll, steckt oben im Hinterland im Schlamm fest. Das dichte Tempo unserer Pläne fährt sich etwas hinunter und geht in den landestypischen Lungermodus. Walter und Gais arbeiten fieberhaft nach Alternativen. Wir bringen derweil ein paar Interviews an den Start und spielen ein kleines Konzert im Schulhaus. Die allgegenwärtige Freude der Kotte-Menschen flutet uns wie die pazifische Brandung. Zwischendurch fällt der Strom aus, kein Internet seit einem Tag (ha Frechheit!), dann kommt der Strom und das Wasser macht dafür den Geher.
Der Distrikt-Präsident erzählt, dass die Kotte-Menschen keine Wort für Danke hatten, da sie Geschenke mit Geschenken, Taten mit Taten erwidern. Den Deutschen war das nicht koscher. Da brachten sie es den Kotte bei. Sag Danke, dann bist raus dem Schlamassel. Bringst die Kokusnuss zur Planatagenreife, verschiffst sie, machst Mehrwert und sagst Danke.

Interview mit dem District President in Heldsbach
Interview mit dem District Präsident in Heldsbach (© Frederik Schmid)

Wir diskutieren weitere Folgen von kultureller Überformung. Sich dem allem hingeben, pausenlos schwitzen, es laufen lassen. Ein tropisch-träger, zerebraler Slalom um unsere Themen. Den kolonialen Clash of Cultures. Das Schlechte, das Gute daran. Dann das Einrücken eines betagten Bajuwaren im good old Heldsbach. Er war in den 70ern hier Missionar und betrieb die Bibelschule, schaffte fließend Wasser ran und eine deutsche Turbine, die immer noch manchmal geht. „Dös is ja olles komplett nunterkumme hier. Es geht olles den Bach nunter.“ Sein inspizierender Inqestorenblick schleift über die, aus unser Perspektive makellosen Häuser und Rabatten. Sicher in Deutschland hätte man die Häuser schon fünfmal renoviert und in den Tropen hat Vergänglichkeit ein weit höheres Tempo. Doch der alte Missionsroutinier sieht sein Lebenswerk vom Urwald bald begraben. Es verschmilzt halt doch nicht alles, was sich Kultur nennt. Oft sieht sich der eine über dem anderen und alles fällt zurück in kolonialen Dünkel und muffiger Herrenpose.

Kai-Uwe Kohlschmidt mit Walter Teunzac mit Interview
Kai-Uwe Kohlschmidt mit Walter Teunzac im Interview (© Momo Kohlschmidt)

Walter ist entspannt, Walter ist klug. Wir lachen soviel miteinander und er sagt, dass er froh ist, dass wir Künstler sind. Wir sind ein wenig ähnlich wie sie und nicht so nengelig, wenn nicht gleich alles klappt, was die Bajuwaren hier einst auf den Weg gebracht. Wir lungern vor dem Weißen Haus, unserem Standlager, wie Detzner sagen würde und warten auf den Jeep, der sicher bald kommen wird, auch wenn es jetzt schon dunkel ist. Er wird schon kommen.

2 Kommentare zu „Lungern“

  1. Ich erinnere mich, wo ich mit Otto drei Tage in Havanna fest klebte. Wir warteten auf José, der unsere Pässe hatte. An Tag eins ulkten wir rum, an Tag zwei kam Missmut auf, an Tag drei ulkten wir wieder rum, weil wir im lateinamerikanischen Modus angekommen waren. Otto sagte nur, José muss eine wahrhaft große Ausrede parat haben. Dann erschien unser Freund und sprach, dass er geheiratet hat, was ihm Zeit fraß. Gemessen daran, dass er bereits verheiratet war, ließen wir diese Ausrede in der Hitze durch gehen. Weil wir mit einer solchen Absurdität nicht gerechnet hatten. Tags drauf ging es die Schweinbucht.

  2. Freunde!

    Wunderbar, was Ihr da täglich an Filmen aus Worten rüberschickt! Und alles in 4K und 3D und 5.1! Bin wirklich gespannt auf das Material, das Ihr mitbringt!
    Und was Peter und Lukasz/Thomas angeht: Wir wissen doch: Brisant wird erst, wenn Rübe vom „grossen schwarzen Hund “ träumt … 😉

    Die Berliner ausm 4. Stock denken an Euch!

Kommentarfunktion geschlossen.

Scroll to Top