Heldsbach – der sanfte Ort

Die Salomonensee - Bucht vor Heldsbach
Die Salomonensee – Bucht vor Heldsbach (© Peter Adler)

Draußen auf der Salomonensee zieht alle Stunde ein Frachtschiff die Linie des Horizontes nach. Wir sind ausgeschlafen. Die Meeresbrise bringt Frische ins subtropische Sonnenspiel. Unser Jeep rollt vor, wir wollten doch baden fahren. Nun stehen wir auf der Ladefläche, halten uns an der Lichtorgel des Daches fest und lassen uns den Fahrtwind um die Ohren fliegen. Die von Palmen gesäumte Sandpiste erlaubt unserem Driver, mal in den vierten Gang zu wechseln. Der Dschungel wird zum grünen Tunnel. Was für eine lässige Freiheit, so dahin zu schweben! Am lava-schwarzen Bilderbuchstrand gibt Walter ein paar Hinweise zur Geschichte. Genau an diesem Beach begann die Landungsoffensive der Allierten gegen die Japaner. Diese waren gegen 1942 nach PNG gekommen, um ihren Griff nach Australien vorzubereiten. Spätestens ab da war Schluß mit lustig beim Tanz um Asien. Die amerikanischen Vettern sprangen den australischen Boys zur Seite, um die kontinentale Beute der Terra Australis zu sichern. Die Japaner hatten sich in Papua festgekrallt, ließen sich von den Newguinies Höhlen und Tunnel bauen und erwarteten die Marines vor allem auf den Pazifik nahen Inseln von New Britain. Die Aufklärung der Aussies jedoch hatte ganze Arbeit geleistet. Sogenannte Coastwatcher analysierten bei Finschhafen die größte Schwachstelle in den Linien der Truppen des Tennos. Der Overstretch der imperialen Ansprüche des japanischen Kaisers sollte der Anfang seines Endes werden.
Heldsbach-Blackbay. Wir springen in die Brandung von Papuas Omaha-Beach. Tollen herum wie Kinder. Unsere Jeepcrew wartet bis wir wieder draußen sind, dann springen auch sie hinein. Die tapferen Mindikboys. Ich sitze unter einer Kokospalme und mein Blick schweift über die 500m breite Bucht. Die Japaner leisteten damals erbitterten Widerstand, doch waren sie der materiellen Überlegenheit von Uncle Sam nicht gewachsen. Aus dem Brückenkopf der Amerikaner wurde bald die wichtigste Base, mit Landepisten, Manschaftsquartieren und Cargohallen. Fischhafen. Die Newguinies beobachteten mit Neugier und Argwohn die andauernden Kämpfe der Japaner und Allierten. Es war noch keine 50 Jahre her, dass die ersten Weißen vom Stamme der Germanen hierher kamen. In der vorchristlichen Auffassung der Einheimischen müßten dies Abgesandte des Ahnenreiches sein. Die Vorboten eines irdischen Paradieses. Und tatsächlich verfügten diese über, wie in der Vorhersehung prophezeit, besondere Tools, die das Leben nun erleichtern würden. Werkzeuge, Maschinen, Gewehre. Sie bauten sich prächtige Villen und auf schwimmenden Häusern kam unablässig Nachschub aus dem Ahnenreich. Der weiße Germanenahne brachte seine Heilslehre vom Gekreuzigten und dessen Friedensbotschaft mit. Aber auch jede Menge Arbeit auf seinen neuerichteten Plantagen. In gewisser Erwartung an Teilhabe am paradiesischen Mehrwert ließen die Küstenvölker sich auf beides ein. Luthers Missionare brachten tatsächlich Frieden in die, von kannibalistischen und blutigen Stammesfehden geprägten Tribes. Die Plantagenarbeit brachte natürlich nur Schwielen an den Händen und ein bisschen Muschelgeld. Was lief nur falsch im Umgang mit den Ahnen? Einen von ihnen, fütterten und päppelten sie gar ganze vier Jahre durch, als andere Bleichgesichter auftauchten und neue Ansprüche stellten. Was wußte Detzner von den metaphysischen Erwartungen der Melanesier? Hat er dies zu seinem Vorteil benutzt oder blieb ihm dies ins Gänze verborgen? Als die Deutschen ihre Kolonie abgeben mußten, blieben die Newguinies eine Weile sich überlassen. Nur die Missionare blieben und setzten ihr Friedenswerk fort. Aber wo blieb nun der Wohlstand und die Leichtigkeit, den die Vision vom Ahnenreich versprach? Irgendetwas war schiefgelaufen, in der Kommunikation zwischen den Eingeborenen und den weißen Abgesandten, also den Farmern, Söldnern und Kolonialbeamten des Kaiserreiches.
1944. Nun gab es eine neue Chance mit den Ahnen ins Geschäft zu kommen. Diese Americanos hatten aber auch wirklich einiges mehr zu bieten als die Deutschen. Mächtige Waffen, Lebensmittel in unfaßbaren Mengen, ganze Häuser und Automobile wurden aus den großen stählernen Vögeln entladen und in die Hallen mit der Aufschrift “Cargo” verfrachtet. Waren das die echten Ahnen? Als diese ihre Schlachten für sich entschieden, die japanischen Wracks in der Manababay geben heute noch Zeugnis davon, verschwanden die allierten Ahnen allerdings ebenso unerwartet, wie sie gekommen waren. Die seltsame Eile war auch daran ablesbar, dass sie ihre vollgestopften Cargo-Hallen nicht leergeräumt hatten. Die Flugfelder blieben verwaist, kein Sttahlvogel landete mehr. Die hölzernen Türme der Funker und Navigatoren blickten starr und stumm auf die drei historischen Buchten. Die, wo einst der erste Missionar Senior Flier landete, die Manababay der Deutschen und die Blackbay von Heldsbach.
Dammich. Diese verdammten Ahnen. Wo lag der Fehler? Die verbliebenen Missionare von Heldsbach konnten nur wenig zur Aufklärung beitragen. Ihrer Meinung kam das Paradies erst nach irgendeinem Jüngsten Gericht. Die hier ansässigen Newguinies begannen sich ihre eigene Version des Erlebten zurecht zu bauen. Später sollten ein paar Extraschlaue, auch Anthropologen genannt das Ganze mit dem seltsamen Namen “Cargocult” benennen. Was für ein frecher Unsinn. Die zurückgelassenen Gegenstände der Amerikaner waren zwar schnell verteilt und wurden ikonenhaft verehrt, auf die Flugpisten wurden zwar Flugzeugattrappen aus Stroh und Palmwedel gestellt, um echte Stahlvögel anzulocken und auf den Funktürmen sah man EInheimische mit selbst geschnitzten Kopfhörern, Formeln in den Himmel murmeln. Doch das war doch kein Cargo-Kult, kein alberner Tanz ums Westpaket! Das war der andauernde Versuch, die Prophezeiung der Ancesters und Alten in den Gang zu bekommen und dem Kommunikationsausfall mit dem Ahnenreich wieder zu beleben.
Wir haben in unseren Interviews versucht, die Sprache darauf zu bringen und haben fast nur höfliche Verschwiegenheit oder gar Entrüstung geerntet. Zuerst dachte ich, hier wird etwas im Skat behalten, wo der Weiße nichts zu kiebitzen hat. Dann würde mir etwas anderes klar. Es liegt weißer Dünkel und Arroganz schon in den Begrifflichkeiten. Wir unterstellen ihnen damit Dümmlichkeit und Steinzeitverhalten. Selbst stellen wir uns Tannenbäume ins Wohnzimmer, krauchen Ostern durchs Gebüsch zum Eiersuchen und entblöden uns in tausend und einem Fernsehformat, auf dem Weg zum Celebrity. Gleichzeitig fahren unsere Optiken und Mikroskope, geeicht auf unsere Schmalspurwahrnehmung, über die Gebräuche der Wilden der Welt und analysieren, was das Zeug hergibt. Wissenschaftlich sauber. Hypothese. Nullhypothese. Protese und anderer Käse. Exaktheit. Genauigkeit. Werkstreue.

Lungern
Lungern – Kai-Uwe Kohlschmidt und Peter Adler (© Frederik Schmid)

Irritation. Archaische Reflexe aus der Gegenwelt von Heldsbach, dem sanften Ort. Das plötzliche organische Bedürfnis, sich in den Urwald hinterm dem Haus hinüber zu wachsen, zu verwandeln. Sich selbst verschlingend, verdauend, begattend. Nicht durchdringbar. Nicht mehr messbar. Ekel.
Ein kleiner Mann mit Hut erscheint im Blickfeld. Ein Japaner. Er bietet Fair-Trade-Kaffee feil. Einhundert Gramm für drei Kina. Konichewa. Was macht er hier? Bald weiß ich es. Sein Glaube führt ihn und seine Partnerin nach Heldsbach. Sie sind Missionare und so sind die drei Buchten immer noch der Anlaufpunkt der weißen Sonderlinge, uns natürlich eingeschlossen.