Expeditionsblog Schottland 2017

Scapa No

Langsam cruist unsere „Raphy G“ in die Scapa Flow hinein. Wir haben Stromless verlassen und wir fahren in die große Bucht, in der eine besondere Geschichte versenkt ist. Wir sind gespannt, ob das unsichtbare noch fühlbar ist. Verschiedene Karten werden heraus geholt, Fotos verglichen und deutsche Namen fallen. Kronprinz Wilhelm, Markgraf, Bayern und Friedrich der Große. Auf den Seekarten sind Umrisse verzeichnet. Lange ovale Flächen, die sich uns nähern und sich unter der ruhigen, bleiernen See befinden. Dann ist es soweit. Dietmar sagt, das ist sie, die „Dresden“. Wir befinden uns jetzt genau darüber. Der Umriss des Schattens auf dem Display unseres Navis weist eine Länge von 150m und 13m Breite auf. Es ist Seiner Majestät Schiff „Dresden“, ein Kreuzer der Kaiserlichen Marine. Schaut man in die Vitas der 71 Schiffe, die sich 1919 hier selbst versenkten, findet man wenig Ruhmreiches, viel Trauriges, manch Kurioses. Die „Dresden“ war eine Neuauflage eines gleichnamigen Kreuzers, dessen Hang zum Suizid, dem Erbauer zu denken hätte geben sollen. Das Wrack des Vorgängers liegt vor der Robinson-Crusoe-Insel im Pazifik nahe Chile. Ebenfalls selbstversenkt. Der Wahn und die Hybris der europäischen Majästeten hatte die Europäer millionenhaft zur Schlachtbank geführt. Irgendwer schrieb mal, nur der Mensch ist ...
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Wittgenstein und die Hosenboje

„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, heißt es bei Wittgenstein. Vor dem Hintergrund dieses Diktums gerät das Bloggen hier auf den Orkneys in Stromness schon ein wenig schwierig. Denn eigentlich wird unsere Welt auf diesem Törn mit jedem Tag größer – und mir fehlt tatsächlich manchmal die Sprache, um sie zu beSchreiben, diese wunderbare Welt … Bin doch kein Synästheth …!!!? Heute morgen werden wir also in Stromness wach. Von Süd bläst ein strammer Wind in den Hafen und zupft auf der Äolsharfe der Leinen und Wanten der Raphy G langgezogene, dissonant – melodische Akkorde … ich bin schon ruppiger geweckt worden, in Berlin, vom orangen Rumpelorchester der BSG; Solo für Müllcontainer im glissando auf Kopfsteinpflaster morgens um sechse …: – vielleicht isses ja genau umgekehrt – man wird so geweckt, wie man geschlafen hat? – Man weiß so wenig! Ich hab jedenfalls wunderbar geschlafen in der ersten Nacht auf den Orkneys …! Stromness existiert hier auf den Orkney – Inseln vor der Nordküste Schottlands schon seit ewigen Wikinger – Zeiten als Hafen und Fischer – und Walfängerstädtchen; Darwin und die Beagle und John Franklin mit der Terror und der Erebus haben hier an einer Quelle Wasser ...
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Die Buchse des P.

Froh und glücklich haben wir Turso an der Nordspitze Schottlands erreicht. Heute war ein schöner Turn. Viel Sonne, der Wind stetig und achterlich brav. Volle zehn Stunden waren wir auf dem Wasser, haben Kap Zorn passiert und sind der langen zerklüfteten Küstenlinie gefolgt. Völlig alleine 60 Meilen lang. Glücklich sein ist ein Gefühl, dass uns in der ersten Woche oft geflutet hat. Die wilden Küsten, die atemberaubende Landschaft, das Bei sich zu Hause sein, wenn man den Seegang in die Waden tankt. Auch unser Kapitano ist glücklich. Als Seemann mit allen Weltgewässern vertraut, hat er die schottischen Gewässer noch nie befahren. Alles Neue bringt ihn in gute Laune. Wir schauen tief ins Glas, tagsüber in das für die Ferne und abends in das für das Innere. Im Heimatland des Whiskys sind die Gläser groß. Wir diskutieren über Gott und die Welt, eine handfeste Saufrunde eben. Einem der unseren widerfährt plötzlich Harndrang und er schlingert nach achtern. Der Vorgang bedarf eines gewissen Zeitfensters. Momo befürchtet, dass er gleich baden geht. Ich denke nur, dass er doch Seemann ist. Die Diskutitis unser Runde ist inzwischen bei den alten Griechen angelangt, Prometheus und die Plagen der Welt. Pandoras Büchse wird erwähnt. In dem ...
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Fenderalarm am Kinlochbervie

Mittwochmorgen, wir segeln aus dem Hafen von Stornoway, das Wasser in der Bucht bewegt sich bei bedecktem Himmel und angenehmer Temperatur in kurzen, übereinander fließenden Wellen. Nach vorabendlichem Geplänkel mit dem Skipper über die in Pinguin-Manier ständig zwischen Ober- und Unterdeck auf und ab trippelnde Besatzung („Ich hol mir noch ‘n Bier;)“, „Wo sind denn die Blättchen?“, „Muss mal;(“; „Bring das Fernglas mit!“, „Noch jemand ne Stulle?“) beschließe ich, meinen Platz so wenig wie möglich zu verlassen – und es lohnt sich! Mit Aussegeln aus der Bucht wird der Wind stärker, die Wellenberge höher, die Wellentäler tiefer. Auf meinem Platz geht es fast immer mehr ins Tal, im Minutenrhythmus sitze ich mitten in der Talsohle, während die anderen auf der Gegenseite versuchen, nicht über mich hinweg zu segeln. Es ist toll! Erst nach und nach kapiere ich, dass es manche mit der Angst zu tun bekommen, etwas, woran ich nach den heimischen 100-Prozent-Prognosen für Seekrankheit überhaupt nicht gedacht habe. Gegen die Angst, sehe ich, gibt es Manöver: in Starre verfallen, Augen zukneifen und spitze Schreie von sich geben, Worst-Case-Szenarien vorwegnehmen, über die ersten erotischen Abenteuer plaudern, Erkundigungen beim Skipper einholen, ab wann es wirklich gefährlich werden kann. Der wägt ab: ...
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Überflug mit Überschall – Von Storneway nach Kinlochbervie

Nach zwei Nächten im Hafen von Storneway geht es weiter in Richtung Norden. Der Wetterbericht kündigt für den Abend einen Sturm mit 40 kn bis zu Orkanstärken an, der sich über den Tag langsam aufbauen wird. Wir legen um 10 Uhr ab und wollen versuchen noch vor dem stürmischen Abend wieder in einem Hafen festgemacht zu haben. Wir setzen recht schnell die Segel. Der Wind kommt aus Süd-West. Für uns die richtige Richtung. Allerdings ist er schon so stark, dass der Skipper nur die Fock an den Start bringen lässt. Es wird gekurbelt und gezogen und ab geht der Dampfer. Wir starten mit ca. 14 kn Wind und liegen bereits 30 min später bei 20 kn Wind. Und so wird es weitergehen. Über 50 Seemeilen und ca. 7 Stunden Fahrt liegen vor uns. Die Wellen haben Anfangs noch eine Höhe von vielleicht 1 – 2 Metern. Angenehm, sagen wir uns. Die Sonne scheint hin und wieder es regnet nicht. Angenehm. Wir bemerken natürlich, dass die Wellen und die Böhen das Boot immer mal wieder ordentlich auf die Backe legen. Die Fenster in der Messe dienen bereits zur besten Unterwasserbetrachtung in diesen Momenten. Das Boot fährt Fahrstuhl. Auf und ab. Irgend ...
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Das atlantische Ballett

Schwer durchgeschüttelt haben wir im Hafen von Kinlochbervie angelegt. Das Festland von Good old Scotland hat uns zurück. Es war ein Glücks – und Höllenritt, aber dazu in einem späteren Post mehr. Mein Körper, meine Seele schwankt. Es war einfach zuviel heute. Ich versuche mich an die Erinnerungen unseres gestrigen Tages in Lewis and Harris festzumachen. Wir unternahmen einen ausgiebigen Landgang und fuhren mit einem Bus gut vierzig Kilometer ins Landesinnere. Den Steinkreis von Callanish wollten wir in Augenschein nehmen. Das Ensemble aus Menhiren mag kleiner als das von Stonehenge sein, gleichwohl ist dieser aber begehbar und erlebbar. Älter zudem. Aber lassen wir uns hier nicht zu sportlichen Vergleichen hinreißen. Callanish war da und wir in seiner Nähe. Eine gute Gelegenheit über die Paradigmen des Glaubens und seiner stürmischen Wechsel zu ventilieren. Unser Busfahrer pfiff sein immer währendes gälisches Liedchen und pflügte durch die Torfwüsteneien der wilden Hebrideninsel. Unterwegs zu schauen immer wieder seltsame Haus-Arrangements auf einsamen Grundstücken. Eine Häuserruine aus dem Mittelalter neben dem eine Häuserruine aus dem letzten Jahrhundert dräut und schließlich in unmittelbarer Reihe der heutige kleine Wohnsitz des Besitzers, manchmal sogar nur ein Wohnwagen als Abschluß dieses immer bizarren Dreiklangs. Nun, Platz ist da für die ...
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Trudeau und kleine schwarze Kästchen

Seltsam ist das. Da plant man vor der Reise minutiös, welche Technik man mitnimmt und wann man was einsetzen will, freut sich als großer Liebhaber der kleinen schwarzen Kästchen (Digitaltechnik in jeglicher Form, vornehmlich und vor Allem optisches Gerät …) auf den Einsatz der neuen Actioncam, ist beim Packen begeistert von der Tatsache, daß alles, von dem man meint, man bräuchte es, um die Reise und alle Eindrücke auf die man trifft/die einen treffen, einzufangen, abzubilden und im Faust´schen Sinne festzuhalten, mittlerweile ins Handgepäck passt … und dann segelt man mit majestätischen 8 Knoten an den Klippen der Isle of Skye entlang, und der Fels glüht in der Abendsonne und man weiß … dies Bild ist mehr als Nervenreiz auf der Netzhaut, da ist so viel mehr im Spiel als Pixel und 5Punkt1 – Sound später im Heimkino … Das geht tiefer, beißt sich fest, die Empfindung läßt sich nicht in Bild – oder Tondateien reproduzieren. Die besten Bilder schießen Kopf und Herz, und die liefern den emotionalen, akustischen, olfaktorischen (ja, an Bord auch oft den!) Untertitel mit und die Seele schreibts dann auf … Versuchen wirs mal hiermit …: Wir sitzen zu dritt in einem gemütlichen Pub in Stornoway ...
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